Vorher

Wenn ich heute gefragt werde, wann ich krank geworden bin, antworte ich meist: als ich fünfzehn war. Natürlich hat die Krankheit schon früher angefangen. Aber für mich war das Jahr 2004/2005 das Entscheidende.

Damals war ich noch auf einem Gymnasium. In der neunten Klasse. Ich kam mit meinen Mitschülern nicht zurecht. Jedes Mal, wenn ich den Klassenraum betrat, hörte ich irgendeine Bemerkung von einem meiner 29 "Klassenkamaraden". Ich hatte aufgehört meine Hausaufgaben zu machen oder die Klausuren mitzuschreiben. Ich habe immer häufiger einzelne Stunden wie Chemie oder Religion geschwänzt. Ich hatte nur eine Freundin, mit der ich versucht habe die ganze Zeit zusammen zu sein. Das klappte meist nicht gut, da sie auch mit Schülern zusammen war, mit denen ich nichts zu tun haben wollte, die mir unheimlich waren. Ich fühlte mich unwohl, sobald ich in der Schule ankam.

Und ich fühlte mich unwohl, sobald ich nach Hause sollte. Meine Eltern waren beide alkoholabhängig. Sobald ich zu Hause durch die Tür kam, gab es Streit mit meiner Mutter. Wegen Kleinigkeiten, wegen der Schule, wegen allem. Mein Vater saß den ganzen Tag im Dachgeschoss und arbeitete. Nur wenn meine Mutter und ich zu laut wurden, rief er von oben dazwischen oder machte seine Tür zu.

Ich kann heute nicht mehr sagen, wann ich mir das erste Mal in meinen Arm geschnitten habe. Irgendwann zwischen Januar 2005 und März 2005. Ich wollte mich loswerden. Wollte das Wesen loswerden, dass sich stritt, das redete, bevor es nachdachte und das deswegen nicht gemocht wurde. Und ich wollte keine anderen Schmerzen mehr erleben. Nur noch ""reale"" Schmerzen.

Mein Klassenlehrer riet mir und meinen Eltern zu einem Psychologen zu gehen. Ich weigerte mich. Ich brauchte keine Hilfe. Ich war doch nicht verrückt.

Im April 2005, kurz nach den Osterferien, hielt ich es nicht mehr aus. Ich weiß nicht, ob mir damals etwas Bestimmtes zuviel wurde oder ob es einen konkreten Auslöser gab. Ich schrieb einen Abschiedsbrief an meine einzige Freundin und ging zu den Bahnschienen direkt neben unserer Schule. Ich weiß, dass ich geweint habe und dass ich Musik gehört habe. Welcher Gedanke mich letztendlich von dem Suizid abgehalten hat? Ich glaube es hat einfach zu lange gedauert, bis die nächste Bahn kam. Ich ging zurück zur Schule. Natürlich war mein Brief schon gefunden worden. Mein Klassenlehrer kam mir entgegen und informierte meine Mutter. Ich hatte extra gebeten, dass mein Vater mich abholen solle, aber meine Mutter brachte mich nach Hause.

Am nächsten Tag wurde ich in die Kinder- und Jugendpsychiatrie gebracht.



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