Jugendwohnen

Jugendwohnen Dezember 2006 bis Oktober 2007


Es war wieder Dezember, als ich entlassen wurde. Die Zeit bis Weihnachten habe ich einigermaßen gut hingekriegt. Ich bin ambulant zu meinem Therapeuten gegangen und auf die Schule der Psychiatrie. Über Weihnachten war ich zu Hause bei meinen Eltern. Sylvester waren wir bei meinen Großeltern in Kiel. Kurz nach Sylvester ging es wieder los. Ich habe mich viel verletzt und war auch einige Male für ein oder zwei Nächte in der Psychiatrie.

Ab Februar sollte ich auf ein Gymnasium in der Stadt, in der auch das Heim lag, gehen. Ich habe mich dort auch angemeldet, zusammen mit einer Betreuerin des Heims. Allerdings bin ich dort nie hingegangen. Ich konnte nicht. Ich hatte zu viel Angst. Ich hatte Angst vor den Mitschülern. Ich hatte Angst, dass auch sie nicht verstehen würden, was mit mir los ist. Und ich hatte Angst, dass ich spätestens im Sportunterricht die ersten blöden Bermerkungen hören würde. Danach wurde ich auf der Klinikschule als externe Schülerin angenommen.

Die nächsten Wochen liefen nach dem gleichen Schema ab. Ich ging unpünktlich und unmotiviert in die für mich langweilige Schule und saß dort meine Zeit ab. Jeden Montag kochte ich. Oder nicht. Wie meine Stimmung eben war. Ich hatte Streit mit meiner Bezugsbetreuerin, weil ich sie so gar nicht leiden konnte. Ich hatte kaum Kontakt zu den Mitbewohnern. Ich verletzte mich fast täglich. Fast jede Woche musste ich zum Nähen ins Krankenhaus. Meine Eltern nervte ich mit dem Wunsch, wieder nach Hause zu kommen. Am Wochenende fuhr ich zu ihnen. Nicht selten blieb ich auch bis Montag. Einmal in der Woche ging ich zu meinem Therapeuten und sagte nichts, ausser dass ich aus dem Heim ausziehen wolle. Ab und zu musste ich zur Krise in der Psychiatrie bleiben. Heute weiß ich nicht, warum ich in der Zeit nicht versucht habe, mich umzubrigen. Was hielt mich davon ab?

Im Mai fing mein nächster großer Stimmungseinbruch an. Ich ging wie immer zu meinem Therapeuten. Er redete eine Zeit lang, wie immer. Und dann kam etwas, womit ich nie gerechnet hätte. Er erzählte mir, dass er die Klinik verlassen würde. Er würde gehen und mich zurück lassen. Das durfte nicht sein! Ich war völlig fertig. Ich hatte diese Gespräche, auch wenn ich nichts sagte, immer als einzigen Höhepunkt der Woche angesehen. Er konnte mir helfen. Indem er einfach mit mir redete. Mir erzählte, was gut war und versuchte mir zu helfen. Indem er mir immer wieder vermittelte, dass es mir irgendwann wieder besser gehen würde. Er war der erste, mit dem ich reden konnte. Und jetzt würde er mich verlassen. Allein lassen. Gerade jetzt, wo ich diese schwierige Zeit im Jugendwohnen hatte. Wo ich versuchte, mich irgendwie von zu Hause zu lösen.

Nach dem Gespräch, schaffte ich es gerade noch ins Heim zurück, dann brach ich in Tränen aus. Ich ging direkt ins Büro und ans Telefon. Ich rief meine Mutter an, oder war es mein Vater? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Danach ging ich ins Zimmer und kam an dem Tag nicht mehr raus. Ich war mir sicher. Das würde ich nicht aushalten. Und niemand kam, um mit mir zu reden. Aber alle hatten es mitbekommen. Ich war laut genug gewesen. Dass ich damals nicht sofort Tabletten nahm lag wohl nur daran, dass ich mitten in den Abschlussprüfungen für meinen externen Hauptschulabschluß stand.

Einige Tage später war es soweit. Ich erfuhr die Noten meines Abschlusszeugnisses. Ich hatte einen Durchschnitt von 1,3. Ich glaube, ich war am erstauntesten. Dass hätte ich nicht gedacht. Und ich bekam von der Schule, wo ich geprüft wurde, direkt noch das Angebot, dort meinen Realschulabschluß zu machen. Ich sollte mich Ende der Sommerferien melden, ob ich das annehmen wolle. Kurz darauf war die Abschlussfeier in der Klinikschule. Meine Elter waren dort. Ich hätte mir gewünscht, dass auch mein Therapeut kurz dazu kommen würde, aber er kam nicht.

Dann waren Sommerferien. Ich war bei meinem Vater. Meine Mutter und meine Schwester waren bei meinen Großeltern an der Ostsee. Das Heim war auf einer Ferienfreizeit, die eigentlich Pflicht für alle war, zu der ich aber einfach mitkam, wie immer. Nachdem meine Wohngruppe wieder da war, musste auch ich zurück, obwohl ich nicht wollte. Ende der Ferien nahm ich das Angebot der Schule an.

Und dann kam der Höhepunkt meiner Krise. August. Eigentlich hätte es ein guter Monat werden können. Ich würde achtzehn werden. Volljährig. Meine Großeltern würden kommen. Lange Zeit die eizigen, die ich aus der Familie mochte. Ich würde meinen Realschulabschluß anfangen. Doch es kam anders. Der August kam. Ich sollte meinen ersten Tag in der neuen Schule sein. Und ich ging nicht hin. Wie sollte es auch anders sein. Ich hatte die gleichen Ängste wie früher, doch alle Gefühle wurden überlagert von der Angst, wie es sein würde, wenn mein Therapeut weg sein würde.

An einem Monatg hätte ich in die Schule gesollt. An dem Donnerstag hätte ich mein letztes Gespräch gehabt. An dem Dienstag nahm ich eine Überdosis. Ich wollte nicht rausfinden, wie es werden würde. Doch meine Freundin merkte mir an, dass etwas nicht stimmte. Sie ging mit mir in die Psychiatrie. Augerechnet mein Therapeut hatte Spätdienst. Er überwies mich in ein Krankenhaus. Am Donnerstag wurde ich wieder zurück in die Psychiatrie gebracht. Und ich durfte gehen. Ich hätte das nicht vermutet, aber ich wurde nicht aufgenommen.

Und dann hatte ich mein letztes Gespräch bei meinem Therapeuten. Es war nur kurz. Er wollte nur wissen, wie es mir jetzt ginge und dann sprachen wir noch kurz über dies und das. Ich hatte ihm sein Lieblingsgedicht "Tunnel" von mir aufgeschrieben und gab ihm das zum Abschied. Dann war es vorbei. Er war weg.

Danach war in Sachen Therapie nichts mehr so, wie vorher. Ich konnte und wollte mich auf niemanden einlassen. Die kurzen Versuche mit neuen Therapeuten, waren nur sinnloses Gerede über Musik und Ähnliches. Lange Zeit durfte niemand den Namen meines Therapeuten in den Mund nehmen, wenn ich dabei war und niemand durfte über ihn reden, sonst ging ich sofort an die Decke und verletzte mich, sobald ich allein war. Eine Zeit lang habe ich ihm noch Briefe geschrieben, die er nie bekommen hat. Ich habe ihn nie wieder gesehen und nie wieder mit ihm geredet. (Alle die jetzt "aber" sagen und aufhorchen: es stimmt, auch wenn ich etwas anderes erzählt habe. Lügen gehört leider auch zu mir.)

 Mein Geburtstag kam. Und er wurde gut! Meine Verwandten waren da. Meine Großeltern. Er wurde gut.

In der nächsten Woche ging ich in die Schule. Ich hielt fast zwei Wochen aus. Dann brach ich die Schule wieder ab.

Ich tat nichts mehr. Ich lag den Vormittag im Bett. Ich kochte nicht. Hing viel vor dem Fernseher. Verletzte mich. Verweigerte alles. War immer öfter weg. War zwischendruch nochmal in der Psychiatrie. Ende Oktober wurde ich aus dem Jugendwohnen rausgeworfen. Ich zog wieder nach Hause zu meinem Vater.


Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!