Jugendpsychiatrie 2


zweiter Aufenthalt - sechs Monate 2005

 

dritter Aufenthalt - zwei Monate 2006

Ich durfte kurz nachdem ich entlassen wurde wieder in die Schule. Ich hatte ein ambulantes Gespräch, aber die Therapeutin meinte, es hätte keinen Sinn, wenn ich nicht wollte. Also bin ich nicht mehr hin. Alles lief, wie vor meinem Aufenthalt.

Im Juni hat mein Vater meine Mutter vor das Ultimatum gestellt, entweder sie mache einen Alkoholentzug oder er würde sie verlassen. Das und auch viele lange Gespräche mit ihren Freunden brachten meine Mutter dazu, einen Entzug anzufangen.

Sie ging an einem Donnerstag im Juni. Es war komisch. Den Streit, den ich damals mit meiner Mutter hatte projezierte ich jetzt auf meine Schwestern und meinen Vater, wie um ein Lücke zu schließen. Ich hatte in den sechs Wochen zu Hause mich mehr verletzt als vorher und ich war noch mehr in der Schule abgerutscht. Nicht mal die blöden Sprüche hatten aufgehört, obwohl meine Klasse Bescheid wusste. Ich wusste nichts über Mobbing, heute weiß ich das ich gemobbt wurde, damals konnte ich das nicht verstehen und dachte es wäre meine Schuld.

Meine Mutter ging am Donnerstag. Am Sonntag versuchte ich zum ersten Mal mich mit Tabletten umzubringen. Aber ich habe es nicht durchgezogen. Ich bin zu meinem Vater gegangen und habe ihm Bescheid gegeben. Er brachte mich in das naheliegende Krankenhaus und dort bekam ich Aktivkohle. Ich lag bis Mittwoch auf der Kinderstation. Ich wusste damals noch nicht, dass man nach einem Suizidversuch in die Psychiatrie eingewiesen wird. Ich rechnete damit, dass ich wieder nach Hause durfte. Als mir mein Vater und die Ärztin erzählten, dass ich wieder in die Jugendpsychiatrie müsse, habe ich mich geweigert. Ich lief aus dem Krankenhaus weg. Mein Vater informierte die Polizei und die fanden mich und ließen mich in die Psychiatrie bringen.

Diesmal kam ich direkt auf die halb-geschlossene Station, dieselbe auf der ich beim letzten Mal auch war. Ich erzählte der Ärztin, die mich aufnahm, dass ich mich nicht mehr umbringen wolle und das ich den Versuch bereuen würde.

Die nächsten Wochen waren geprägt von meinem ständigen Wunsch nach Hause zu wollen. Zunächst dachte ich noch, dass ich wieder so schnell nach Hause käme, wie bei meinem letzten Aufenthalt. Doch nachdem ich mit meinem Vater einige ambulante Therapeuten aufgesucht hatte und keiner für mich in Frage kam, wurde mir langsam klar, dass ich wohl länger bleiben müsse.

Ich verweigerte alles. Ich machte keine Ergotherapie, nahm an keinen Gesprächen teil, ging nicht in die Klinikschule. Das alles änderte sich, als ich mich das erste Mal so tief schnitt, dass ich zum Nähen musste. Danach hatte ich ein Gespräch mit dem Dienst-Arzt, weil die Stationsärztin schon Dienstschluss hatte. Das war das erste Mal, das ich meinem späteren Therapeuten begegned bin. Ich musste dann auf die geschlossene Station verlegt werden, weil ich nicht gesagt habe, dass ich noch Klingen auf dem Zimmer habe. Meine Zimmernachbarin wusste allerdings davon und sagte auch Bescheid.

Übers Wochenende war ich also auf der Geschlossenen. Danach wurde ein Vertrag mit mir geschlossen, dass ich ab sofort mitarbeiten müsse um wieder zurückverlegt zu werden und dort zu bleiben. Ich ging ab da zur Schule, kriegte endlich einen Therapeuten, mit dem ich klar kam und nahm Medikamente. Auch die Ergotherapie und die Gruppenaktivitäten machte ich mit. Ich merkte, dass ich mit meinen Mitpatienten gut klar kam und die Meisten mich mochten. Nur mit einer habe ich mich geprügelt, weil sie mich als Diebin bezeichnet hat. Da sehe ich rot. Auch heute noch. Allerdings habe ich in der Zeit vor allem mit meiner Zimmernachbarin Kontakt gehabt und wir haben uns angefreundet. Die Freundschaft hält heute noch (danke dafür!!!).

Drei Tage vor Weihnachten wurde ich dann wieder entlassen. Zurück nach Hause. Meine Mutter war auch wieder zu Hause. Sie hatte inzwischen erfolgreich einen Alkoholentzug und anschließend eine Therapie gemacht. Es dauerte nicht lange, da war ich wieder genauso schlecht drauf, wie ich es vor einem halben Jahr auch war.

Ich war inzwischen sitzengeblieben und ging nun in die Klasse meiner Schwester. Wir hatten versucht mich in einer anderen Schule unterzubringen, aber ich habe nie deutlich genug gesagt, wie schlecht es mir auf dem Gymnasium ging. Ende Januar nahm ich dann wieder Tabletten. Ich wollte diesmal nicht Bescheid sagen. Wenn ich damals im Zimmer geblieben wäre, wäre ich in der Nacht gestorben. Die Tabletten hätten ausgereicht. Aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt noch einen Tee zu trinken, bis die Wirkung eintritt. Also saß ich im Wohnzimmer, als die Müdigkeit mit voller Wucht eintrat.

Ich bin im Krankenhaus aufgewacht und von dort wieder zurück auf meine Station in der Psychiatrie gekommen. Damals kam das erste Mal ernsthaft das Thema zur Sprache, ob ich nicht besser ausziehen sollte von zu Hause. Und ich erfuhr, dass meine Eltern sich trennen würden. Ich glaub, im ersten Moment habe ich etwas gesagt wie "na endlich", zumindest habe ich das gedacht. Meine kleine Schwester würde mit meiner Mutter ausziehen, die andere Schwester bei meinem Vater bleiben. Ich durfte nicht wählen, ich musste bei meinem Vater bleiben. Und dorthin wurde ich nach zwei Monaten auch wieder entlassen.



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